Stützpunkt

Der Mann ist schon 80. Beim Heumachen im österreichischen Esternberg war er mit seinem Traktor am Steilhang umgekippt: Quetschung des Brustraums, Abschürfungen, eine Serie von Rippenbrüchen, drohender Schockzustand. Christophorus Europa 3 startet von seinem Standort Suben an der Grenze zwischen Passau und Braunau. Dem Mann muss sofort geholfen werden. Er erhält Medikamente, Sauerstoffbeatmung, wird entsprechend gelagert und verbunden. Das Passauer Klinikum verfügt über einen Schockraum. Dorthin wird der Verletzte gebracht. 21 Minuten Flugzeit.

Das war am 19. August 2002. Zwei Wochen später, am 4. September, geht es dem Patienten schon besser. Er muss nicht mehr beatmet werden. So wie ihm wird seit dem 23. Juli 2002 etwa 80 bis 90 Notfallpatienten monatlich über die Grenze hinweg geholfen. Denn seit Juli gibt es das damals auf ein Jahr befristete Pilotprojekt „Christophorus Europa 3“, das gemeinsam von der ÖAMTC-Flugrettung und der ADAC-Luftrettung betrieben wird.

„Die Stationierung eines Hubschraubers in Suben als gemeinsames Projekt ist der vorläufige Höhepunkt einer beispielhaften Zusammenarbeit“, zog der damalige ADAC-Vizepräsident Werner von Scheven bei der Eröffnung Bilanz. Und der bayerische Landtagsabgeordnete Arnulf Lode ergänzte: Die Stationierung eines weiteren Hubschraubers im Grenzgebiet des Großraums Passau wird die letzte Lücke im bayerischen Luftrettungsnetz schließen.“

Die Initiative für diesen Pilotversuch kam vom damaligen Oberarzt der Anästhesie am Krankenhaus Braunau, Dr. Peter Hatzl. Und das Besondere an der Idee: „Es fliegen hier erstmals deutsch-österreichisch gemischte Teams im grenzübergreifenden Einsatz“, erklärt Dr. Hatzl. Das Gebiet zwischen Bayerischem Wald, Oberem Mühlviertel und Oberem Donautal war bis Juli sozusagen ein weißer Fleck auf der Gebietskarte der deutschen und österreichischen Luftretter: zu weit entfernt von den rund 80 Kilometer entfernten österreichischen ÖAMTC-Standorten Salzburg und Linz, zu entlegen für die 90 Kilometer entfernten ADAC-Standorte Traunstein und Straubing.

Der Flugplatz Suben war der ideale Standort, um in einem Einsatzradius von rund 50 Kilometern das beschriebene Gebiet abzudecken. Die deutsch-österreichische Zusammenarbeit erstreckt sich übrigens auch auf die Helikopter: Zunächst war in den Sommermonaten eine zweimotorige Ecureil des ÖAMTC im Einsatz, der ADAC flog mit einer ebenfalls zweimotorigen BO 105. Zwischenzeitlich hat sich in beiden Unternehmen die EC 135 als Standardmuster durchgesetzt, sodass hier ganzjährig mit einem nahezu identischen Muster geflogen wird.

Wie es sich bei einer internationalen Zusammenarbeit gehört, geht es paritätisch zu: Technisch wird die neue Einsatzstelle von dem ÖAMTC-Piloten Johannes Schöfffel und dem ADAC-Piloten Stefan Kottbusch geleitet. Dr. Peter Hatzl hat bewusst sein Ärzteteam aus sieben österreichischen und sieben deutschen Ärzten zusammengestellt. Die Crew der Rettungshelfer besteht aus vier Bayern und vier Österreichern. Und außerdem wurde ein Schlüssel entwickelt, wonach die Notfallpatienten so gleichmäßig wie möglich auf die deutschen und österreichischen Krankenhäuser der Region verteilt werden. Sie kommen vor allem ins Klinikum Passau, sowie die Krankenhäuser Schärding, Ried, Braunau. Ziel ist es, den Patienten schnellstmöglich ins nächste geeignete Krankenhaus zu transportieren. Erlaubt es das die Erkrankung oder das Verletzungsmuster, werden vorrangig die Krankenhäuser der Region angeflogen.

„Die Zusammenarbeit klappt ausgezeichnet“, lobt Dr. Hatzl. „Durch den schnellen Aufbau sind die Teams sehr schnell zusammengewachsen. Als das grüne Licht kam, mussten wir das Projekt innerhalb von zehn Tagen aus dem Boden stampfen.“ Die unterschiedlichen Medikamente, die diesseits und jenseits der Grenze bei Notfällen zum Einsatz kommen, und die Unterschiede in der Ausstattung der RTH waren von den Beteiligten schnell begriffen. „Harmonisierungsbedarf“ gibt es laut Dr. Hatzl noch bei den Abrechnungen und bei den Ausbildungsstrukturen für die Ärzte.

 

Die Statistik zeigt, dass etwa 55-60% der Einsätze in Deutschland geflogen werden, der Rest in Österreich. Und im Bedarfsfall wird auch ein Krankenhaus jenseits der Grenze angeflogen. Wie im Fall des mit dem Traktor gestürzten Bauern. Oder bei jener Frau in einem Ort nahe Pfarrkirchen, die beim Kochen mit einer Gehirnblutung zusammengebrochen war. „Deggendorf und Regensburg waren voll“, berichtet Dr. Hatzl. „Aber wir brauchten die Neurochirurgie. Da haben wir sie nach Linz gebracht.“

 

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Autor: Norbert Treutwein (Auszug).